MMM 2022/23, 2. Runde:  Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – erst eins, dann zwei … dann 4:4 !

Für die Wochen vor Weihnachten mangelt es nicht an Bezeichnungen, die allerdings –  u.a. weil sie aus verschiedenen Jahrhunderten und kulturellen Hintergründen stammen – doch recht unterschiedlichen Inhalt haben:  „staade Zeit“, Rauhnacht,  Advent, „Black Week“, „Weihnachtsgeschäft“  …

Sicher ist jedenfalls:  Die Terminkalender sind gut gefüllt, zwischen Weihnachtseinkäufen/-konzerten und /-feiern ,  Glühweintrinken und Jahresabschlüssen bleibt wenig Zeit für weitere Zerstreuungen oder gar sportliche Herausforderungen wie Schachwettkämpfe. Trotzdem wollte es der Spielplan, dass wir am Freitag den 9. Dezember 2022 zum Auswärtsspiel nach Deisenhofen reisen mussten.

Die erste schwierige Hürde war dann jahreszeitbedingt auch die Zusammenstellung der Mannschaft, denn mit Philipp, Andrei und Rudi fehlten gleich drei Stammspieler.  Immerhin standen jedoch noch Bernhard Bettinger und Benno Menzner als spielstarke Reservisten bereit, und an Brett 8 half Sonja Naumann aus und kam somit zu ihrem Einstand in der ersten Mannschaft.  

So machten wir uns auf den Weg zu den Schachfreunden Deisenhofen 2, die im evangelischen Gemeindehaus in Oberhaching ihre Schachbretter aufgebaut hatten. Dieser Spielort versprach einiges an Weihnachtsstimmung, und wir wurden nicht enttäuscht:  In stiller Nacht (ab 19 Uhr, fast alle Läden geschlossen, kein Stau und kaum Menschen auf den Straßen), während leise der Schnee rieselte und der Wald weihnachtlich glänzte, empfing uns ein warmes Licht und ein im ersten Stock probender Chor.  Für Günter Utz hingegen bedurfte es tatsächlich eines kleinen Weihnachtswunders, um den richtigen Weg zum Auswärtsspiel zu finden: Mit dem Auto allein aus Richtung München anreisend, ohne Mobiltelefon, und nur mit einem mangels zutreffender Adresse weitgehend nutzlosen Navigationssystem ausgerüstet,  irrte er zunächst orientierungslos durch Oberhaching, bis ihm die Erinnerung an frühere Auswärtsspiele und wohl ein auch ein kleiner Stern am Himmel in die richtige Richtung lenkten.  Und gerade als er fast schon umkehren wollte, sah er ein Licht im Fenster eines Hauses – das einzige Fenster weit und breit, welches hell erleuchtet war, und wie er einen Blick hineinwarf, da  erkannte er seine gesuchte Weihnachtskrippe, bestehend aus Schachfiguren . ..

Erleichtert über die glückliche Ankunft in Bethlehem (bzw. bei den Schachfreunden Deisenhofen) lief dann der Rest des Krippenspiels für Günter wie am Schnürchen, er gewann seine Partie, die kaum länger als die beschwerliche Anreise dauerte.

Weihnachtlich ging es auch an Sonjas Brett zu – ihr Gegner spielte die spanische Eröffnung und wollte ihr damit offenbar ein fröhliches „Feliz Navidad“ wünschen.  Sonja war darauf jedoch nicht vorbereitet und verlor in einer taktischen Variante mit offenem Schlagabtausch im Zentrum erst die Übersicht, dann eine Figur und bald auch die Partie. Dafür gab es bei der anschließenden Analyse  im Vorraum  ausführliche Spanisch-Nachhilfe von den Deisenhofener „ Companeros“, allein schon dafür hat sich die Fahrt gelohnt.  Währenddessen brachten ihre  Mannschaftskollegen den SC Kirchseeon wieder in Führung, und zwar deutlicher als erwartet:   Erst gewann Franz Obpacher am Brett 5, und dann holte auch Benno an Brett 7 zum Gegenschlag aus, nachdem er eine Reihe von überhasteten Angriffsversuche des Gegners in aller Ruhe abgewehrt hatte, welcher dann auch prompt die Dame einstellte, als sich Blatt wendete.  Schließlich verwertete auch Bernhard Bettinger seinen Vorteil im Endspiel weitgehend ungefährdet zum Sieg, was angesichts seiner mehr als zweieinhalbjährigen Mannschaftsspielpause besondere Anerkennung verdient.   Somit stand es recht früh schon 4:1 für uns, und wir benötigten aus den verbliebenen drei Partien an Brett 1 bis 3 lediglich noch einen halben Punkt zum Mannschaftssieg. Was konnte da noch schiefgehen? Klare Antwort: Fast alles!  Denn seltsamerweise schwächelten nun ausgerechnet die Stammspieler und  vermeintlichen Leistungsträger  Christian, Horst und Herbert, denen der Regisseur dieses Krippenspiels offenbar nicht die Rolle der drei weisen Könige, sondern eher die von Ochs, Esel, Schaf zugewiesen hatte …  oder vielleicht auch nicht, denn andererseits erzählt die Weihnachtsgeschichte ja von den großzügigen Geschenken der heiligen drei Könige, und an denen nahmen sich unsere letztgenannten drei Musketiere reichlich Beispiel:  Erst stellt Horst in komfortabler Stellung ungefährdet eine Figur ein und schenkte dadurch seine Partie her, dann übersah Christian in seiner umkämpften Partie mindestens zweimal einen Gewinnzug und brachte sich dadurch unnötig in Zeitnot,  aus der er sich zwar wieder herauskämpfte, um dann kurz vor dem Erreichen der Zeitkontrolle und mit Aussichten auf Remis sich genau für den Zug zu entscheiden, der zweizügig zu Bauernverlust und sicherere Niederlage führte.  Herbert hatte zwar an Brett 1 den eindeutig stärksten Gegner von allen, war  dennoch nicht chancenlos, beging dann in komplizierter Stellung aber ebenfalls eine Ungenauigkeit und konnte die Stellung trotz langer Gegenwehr nicht halten. Im ersten Moment machte er die ungeliebte holländische Verteidigung dafür verantwortlich, doch das war sicher nicht der Grund – schließlich bezwang zur gleichen Zeit gerade Argentinien die Niederlande bei der Fussball-WM in Katar. Jedenfalls konnten wir auf der Rückfahrt gut nachvollziehen, wie sich mehrere verschossene Elfmeter anfühlen… Immerhin haben wir aber das Mannschaftsspiel nicht verloren, sondern ein Unentschieden erreicht, und mit diesem Ergebnis wären wir vor dem Spiel doch sehr zufrieden gewesen. Ja, und wahrscheinlich sollte es bei diesem vorweihnachtlichen Krippenspiel zu Deisenhofen auch gar keinen eindeutigen Sieger oder Verlierer geben, sondern das gegenseitige Beschenken im Vordergrund stehen.

In diesem Sinne lautete das Ergebnis also „erst eins dann zwei dann 4:4“, oder „8 Bretter für ein Halleluja“, oder einfach “Frohe Weihnachten!“