Der Marshall-Angriff – eine spanische Fiesta!

Bei der Schach-WM 2021 in Dubai wurde in den Partien 1, 3 und 5 jeweils die spanische Eröffnung gespielt, wobei Nepo mit Weiß jedes Mal offensichtlich den berühmten Marschall-Angriff vermied, indem er im 8. Zug die „Anti-Marshall-Züge“ a4 oder h3 wählte, statt klassisch mit 8. c2-c3 fortzusetzen. Warum der Marshall-Angriff riskant sein kann, wussten wir beim SC Kirchseeon bereits, denn wir hatten uns diese Eröffnung beim Online-Training mit Thomas Beckers am 2.3.2021 angeschaut – ein echtes Highlight des ansonsten so trüben Corona-Jahres 2021!

Darum an dieser Stelle nochmal die Zusammenfassung der legendären Trainingssession vom 2.3.2021, die zugleich auch eine kleine Einführung in die „Spanische Partie“ war:

Thomas zeigte diesmal keine Großmeisterpartie, sondern ein alte Partie aus seiner eigenen Turnierpraxis, die aber bis zum 27. Zug (!) der Theorie folgte und damit zu fast 90% aus Zügen bestand, die auch schon von bekannten Schachgrößen gespielt wurden! So etwas ist natürlich nur bei sehr tief analysierten Eröffnungssystemen möglich. Tatsächlich ging es hier um eine ganz spezielle, legendäre Variante in der Spanische Partie – den Marshall-Angriff! Dieser wurde nach dem US-Meister Frank Marshall benannt, der ihn 1918 in einer Partie gegen den späteren Weltmeister Capablanca in die Turnierpraxis einführte. Er ist nicht zu verwechseln mit der „Marshall-Verteidigung“ im Damengambit, die nach 1.d4 d5 2.c4 Sf6 entsteht und die wir u.a. im Herbst 2020 mehrfach im Training besprochen hatten, wobei Schwarz es schwer hat, Ausgleich zu erreichen. Der „Marshall-Angriff“ hingegen lässt die Herzen vieler Schachfans höher schlagen – kein Wunder, denn da ist richtig Musik drin, wie sich beim Nachspielen zeigt:

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5
Die Grundstellung der spanischen Eröffnung. Hier geht es Weiß vor allem um die nachhaltige Kontrolle der Felder d4 und e5.
Spanisch ist eine sehr komplexe, häufig gespielte, aber auch sehr alte und ehrwürdige Eröffnung, eingeführt im 16. Jahrhundert von Ruy Lopez de Segura, international ist diese Eröffnung in der Schachwelt daher vor allem unter der Bezeichnung „Ruy Lopez“ bekannt. Siehe dazu auch die schöne Simultan-Veranstaltung mit Helmut Pfleger in Ebersberg 2019: https://cristilungul.com/2019/08/23/spanisches-simultan-in-ebersberg-mit-gm-dr-helmut-pfleger-de-segura

3…a6 
Dieser Bauernzug gilt als Hauptvariante, in welcher Schwarz sofort den unangenehmen Lb5 befragt und ihn entweder zum Rückzug oder Abtausch nötigt. Schwarz hat hier jedoch auch andere Möglichkeiten, die bekannteste davon ist mit 3…Sf6  die gute alte „Berliner Verteidigung“ aus dem 19. Jahrhundert, die als besonders solide „Berliner Mauer“ durch die Erfolge von Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik in den vergangenen zwei Jahrzehnten wieder modern wurde, z.B. 3… Sf6 4. O-O Sxe4 5. d4 Sd6 6. Lxc6 dxc6 7. dxe5 Sf5 8. Dxd8+ Kxd8 9. Sc3 Ke8 10. h3 h5 11. Lf4 Le7 12. Tad1 Le6 13. Sg5 Th6 14. g3 Lxg5 15. Lxg5 Tg6 usw. 

4. La4  … Weiß erhält mit diesem Zug die Drohungen gegen Sc6 aufrecht, andere Läuferrückzüge wären offensichtlich nachteilig bzw. Tempoverluste. Alternativ könnte Weiß den Läufer auf c6 gegen den Springer abtauschen und Schwarz damit einen Doppelbauern verschaffen – für diese kleine positionelle Schwäche hätte Schwarz dann jedoch durch den Besitz des Läuferpaars hinreichend Ausgleich, und der Vorteil von Weiß wäre allenfalls minimal. In der Abtauschvariante muss Schwarz jedoch aufpassen und mit dem richtigen Bauern schlagen: 4. Lxc6 dxc6 !, und wenn Weiß jetzt versucht, mit 5…Sxe5 einen Bauern zu gewinnen, holt Schwarz sich diesen mit 5…Dd8-d4! (Doppelangriff auf weißen Läufer und Bauern) 6. Sf3 Dxe4+ sofort zurück und steht danach sogar leicht besser. Dieses Abspiel sollte Schwarz auf jeden Fall kennen – denn normalerweise würde man eher mit dem b-Bauern auf c6 zurückschlagen, gemäß der Faustregel, dass sich Bauern vor allem in der Eröffnung bei Schlagzügen möglichst in Richtung des Zentrums hinbewegen sollten (und nicht weg vom Zentrum), denn je mehr Bauern in Zentrumsnähe, umso besser. Hier ist es aber wegen des ungedeckten e-Bauern vorteilhaft, gleich mit ..dxc die d-Linie für die Dame zu öffnen, um zum Gegenschlag ausholen zu können. Auch daran erkennt man, warum Spanisch in der Eröffnungssystematik zu den „offenen Spielen“ zählt. 

4…Sf6
Thomas wies hier auf die Variante 4…b5 5. Lb3 hin, womit Schwarz den weißen Läufer endgültig vom Feld c6 abdrängen würde, was eine konsequente Forsetzung des vorherigen Zuges wäre und auch in anderen Spanischen Varianten und der von Thomas gepielten Partie einige Züge später kommt. Doch in der Theorie gilt das sofortige …b7-b5 hier als nachteilig für Schwarz und wird nur selten gespielt – warum genau, hat Thomas nach eigenen Worten auch nie jemand erklärt. Man sieht zwar, dass Weiß in dieser Variante besser ins Spiel kommt, aber tiefere Gründe dafür werden in der Literatur scheinbar nicht genannt. Vielleicht ist das für die Profis auch alles selbstverständlich, doch als Lernende sollten wir nicht blind Buchvarianten auswendig lernen, sondern immer versuchen, den Sinn der empfohlenen Züge (und die Nachteile der aussortierten Varianten) auch zu verstehen. Wir haben beim Training zunächst 5…Sf6 6. Sg5 diskutiert, hier erkennt man bereits einen wichtiges Argument: Wenn der Läufer auf b3 steht, kann Weiß schnell einen Angriff auf f7 drohen, während Schwarz noch unzureichend entwickelt ist. Allerdings kann Schwarz sich hier mit 6…d7-d5 noch gut verteidigen, so dass Sg5 keine echte Gefahr ist. Aber Weiß kann statt dessen 6.d4 ! spielen, und nun ginge nach 6…Sc6xd4 für Weiß sogar das schöne „Opfer“ 7. Lxf7 ! Kxf7 8. Sxe5+ Kg8 9 Dxd4, und nach 6..exd folgt e4-e5, sowie auf 6. ..Sxe4 7. dxe5, jeweils mit starkem weißen Bauern auf e5 (und der Möglichkeit, mit Lb3-d5 auch noch die Felder bzw. Springer c6 und e4 anzugreifen). Deshalb wird in den Theorievarianten nach 4. ..b5 5. La4 auch gar nicht erst das scheinbar natürliche 5…Sf6 gespielt, sondern 5….Sa5 oder 5…Lc5. Zum Vergleich: In der Hauptvariante, die wir gleich sehen werden, spielt Weiß hingegen nicht schnell d2-d4, sondern bereitet dieses u.a. mit c2-c3 vor, weil Schwarz dort bereits …Sf6 gespielt hat und außerdem schnell mit …Le7 und kurzer Rochade den König und die e-Linie absichert. Dagegen hat Schwarz in der Variante mit 4…b5 nicht nur Zeit für wichtige Entwicklungszüge verloren, sondern auch noch den weißen Läufer unnötig auf wichtige Angriffsfelder d5 und f7 gelenkt, und dadurch für Weiß u.a. den schnellen Vorstoß d4 ermöglicht. Die bekannte Grundregel, in der Eröffnungsphase möglichst keine Figur oder Bauern zweimal zu ziehen, hat also durchaus ihre Berechtigung. Auch ist es nicht egal, in welcher Reihenfolge die Züge gepielt werden (hier: …Sf6 und …b5) – denn wenn z.B. …Sg8-f6 zulange verzögert wird, ist es möglichwerweise bereits zu spät!

5. O-O … Weiß rochiert sofort, um danach im Falle von Sxe4 mit Tf1-e1 auf der e-Linie anzugreifen und dort Material z.B. durch Fesselungen zu gewinnen, falls Schwarz nicht schnell genug seinen König in Sicherheit bringt. Nochmal zum Vergleich mit der vorherigen b5-Variante: Dort war d2-d4 stark, hier hingegen weniger, weil Weiß nach 5. d4 exd 6. e5 Se4 in dieser Variante nicht mit Läufer b3 das zentrale Feld d5 besetzen und den Se4 direkt angreifen kann, denn der weiße Läufer steht ja noch auf a4, wo er selbst vom schwarzen Springer angegriffen werden kann.

5…Le7 ..Schwarz wählt hier zunächst die sogenannte „geschlossene Verteidung“, wobei „geschlossen“ sich vor allem auf die e-Linie bezieht, die hier vorsorglich mit doppelten Straßensperren verbarrikadiert wird, bis der schwarze König in die sichere Burg der kurzen Rochade eingezogen ist. Im Gegensatz dazu kennzeichnet  5..Sxe4 die „offene Verteidigung“, bei der Schwarz statt schneller Rochade aggressives Gegenspiel im Zentrum sucht und ggf. eine Öffnung der e-Linie riskiert  – in dieser Variante geht Weiß wiederum mit 6. d2-d4! sofort mit dem Bauern im Zentrum vor, und es folgt 6…b5 7. La4 d5 8. d4xe5, und es entsteht ein ganz anderes Spiel.

6. Te1 b5   … nun ist für Schwarz der richtige Zeitpunkt gekommen, um den weißen Läufer endgültig vom Springer c6 wegzujagen, denn nachdem Weiß nun mit seinem Turm e1 den Bauern e4 gedeckt hat, könnte er (z.B. wenn Schwarz mit 6…0-0 rochieren würde) im nächsten Zug jetzt tatsächlich gefahrlos den Bauern e5 gewinnen: 7. Lxc6 dxc6 8. Sxe5, und nun funktioniert das eingangs im vierten Zug diskutierte …Dd4 nicht mehr wegen Se5-f3, und die Dame kann nicht auf e4 schlagen. Einen Zug früher hingegen wäre 5..b5 wiederum nicht so gut für Schwarz gewesen.

7. Lb3 0-0
Falls Schwarz hier weiterhin die geschlossene Verteidigung und nicht den in der Partie gleich folgenden „Marshall-Angriff“ spielen möchte, wäre 7…d6 der richtige Zug, es geht dann laut Theorie weiter mit 8. c3  0-0 9. d4, Schwarz also rochiert also auch, so dass man an sich die Züge 7…d6 und 8…0-0 auch vertauschen könnte. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht, denn beim Schach spielen bekanntlich zwei Seiten gegeneinander, und hier kennen beide die Theorie der Spanischen Eröffnung und machen sich Gedanken, was der Gegner wohl als nächstes spielen wird. Und in der Praxis wirkt der Partiezug 7. …0-0 hier für den Kenner wie ein Blinksignal im Straßenverkehr: Mit der Rochade deutet Schwarz an, dass er als nächstes mit d7-d5 den Marshall-Angriff einleiten wird. Weiß wird sich dann entweder auf diese Variante einlassen und 8.c3 spielen, woraufhin Schwarz dann immer noch mit 8.. d6 in die geschlossene Verteidigung überwechseln könnte, oder aber Weiß vermeidet die dramatischen Verwicklungen des Marshall-Angriffs, indem er statt dessen 8. a4 spielt. Wenn also Schwarz wirklich die geschlossenen Verteidigung spielen will und Weiß zum Mitmachen einladen möchte, sollte er dieses zweifelsfrei mit 7…d6 anzeigen, weil andernfalls Weiß nach 7. …0-0 eventuell nervös wird und den Anti-Marshall-Zug 8.a4 zieht, womit er auch die Hauptvariante der geschlossenen Verteidigung verlässt. Das wäre dann in etwa so wie im Straßenverkehr „links blinken und rechts abbiegen“ oder beim Standard-Tanzen die Schritte durcheinander zu bringen oder gar vom Walzer in den Tango zu wechseln, was zwar manchmal unfallfrei möglich ist, jedoch in der Regel zu Verärgerung auf beiden Seiten führt.

8. c3 …
Weiß verfolgt hier unbeirrt seinen Plan, d2-d4 vorzubereiten und ein starke Bauermacht im Zentrum zu behaupten. Falls Weiß jedoch den nun folgenden Marshall-Angriff fürchtet, könnte er diesem mit 8. a2-a4 aus dem Weg gehen und trotzdem ein gutes Spiel erlangen, weil Schwarz erstmal : 8. a4 Lb7 (Schwarz muss seine Angriffspläne zurückstellen und erstmal den Turm a8 decken, weil sonst nach 9. axb der Bauer b5 nicht zurückgeschlagen werden kann, da der Turm a8 durch Ta1+a8 verlorengeht) axb 9. d3 d6 10. Sbd2 Sa5 11. La2 c5 12. Sf1 b4 13. Sg3 Tb8 14. Sd2 Lc8 15. h3 Le6 16. Sc4 Sc6 17. f4 exf4 18. Lxf4 Se8 19. Sf5 usw.

8…d5
Hier beginnt nun der Marshall-Angriff: Schwarz opfert nach Bauerntausch auf d5 seinen e-Bauern, um einen gefährlichen Angriff auf die weiße Köngistellung zu starten, wegen dieses Bauernopfers wird die Variante daher auch „Marshall-Gambit“ genannt.

9. exd Sxd5 10. Sxe5 …
…hier wurde früher auch häufig e5-e4 gespielt, was auch zu dramatischen Verwicklungen führt und einige taktische Fallen stellt, sich jedoch letztlich nicht bewährt hat, weil Weiß bei richtigem Spiel den Angriff pariert und Vorteil erreicht: 9… e4 10. dxc6 exf3 11. d4! (das ist der richtige Zug, denn wenn Weiß sofort den Bauern f3 nimmt, gerät er aufgrund seines Entwicklungsrückstandes in schwere Turbulenzen:  11. Dxf3 Lg4 12. Dg3 Te8 (droht …Ld6 mit gleichzeitigem Angriff auf die weiße Dame und Mattdrohung auf e1!) 13. f3 Dd3 14. Df2 (nach 14. fxg4 Lc5+ 15. Te3 Sd5 16. Lxd5 Lxe3+ 17. dxe3 Dd1+ 18. Kf2 Dxc1 19. Df3 Dxb2+ rasiert Schwarz den gesamten weißen Damenflügel ab!) 14… Lc5 15. Txe8+ Txe8 16. Dxc5 Te1+ 17. Kf2 Se4+ 18. Kxe1 (18. fxe4 Tf1 matt) 18… Sxc5 und Schwarz hat die Dame gewonnen, während Weiß mit einer hoffnungslos zugeparkten „Tiefgarage „am Damenflügel nichts anfangen kann)  11… fxg2 12. Df3 Le6 13. Lf4 und Weiß steht besser.

10….Sxe5 11. Txe5 c6 !  Kleiner, aber wichtiger und bester Zug hier, Schwarz befestigt erstmal seinen starken Springer im Zentrum, bevor er mit Läufern und Damen den Königsflügel stürmt

12. Te1 Ld6 13. d4 .. In der Theorievariante wurde laut Buch zuerst d4 und dann nach Ld6 der Turm nach e1 gezogen, hier spielte die Reihenfolge aber ausnahmsweise keine Rolle. Herbert wies darauf hin, dass Capablanca in den 20er Jahren hier mit Weiß auch einmal Te5-e2 versuchte, dafür aber kritisiert wurde. In der Partie folgen die beiden Spieler jetzt noch fast bis zum Schluß der Theorievarianten, die man damals in den 80er-Jahren der handelsüblichen Schachliteratur entnehmen konnte. Ich habe sie in meinem Eröffnungs-Taschenbuch von 1982 gefunden (kostete damals nur 3,95 DM!)

13 … Dh4 14. g3…
Nicht jedoch 14. h3?, weil nach 14. ..Lxh3 15. gxh Dxh3 das Standard-Matt …Lh2+ Kh1 Lg3+ (Abzugsschach!) Kg1 Dh2+ Kf1 Df2 matt, was Schwarz nur noch durch das Opfer seines Turms auf e5 verhindern kann. Diese Mattkombination sollten wir uns besonders gut anschauen und verinnerlichen, weil es ein häufig vorkommende Möglichkeit in realen Partien ist und zeigt, wie ein Sturmangriff auf die Rochadestellung erfolgreich sein kann.

14…Dh3 15. Le3 Lg4 16. Dd3 Tae8 17. Sd2 Te6 18. Df1 Dh5 19. a4 …
Weiß hat so gut es geht seine Königsstellung gesichert und die Entwicklung der Leichtfiguren abgeschlossen, während Schwarz mit der Überführung seines Turms zum Königflügel für Verstärkung sorgt und neue Drohungen vorbereitet. Weiß versucht nun, mit der Öffnung der a-Linie den bisher passiven Ta1 zu aktivieren und Gegenspiel auf dem anderen Flügel zu inszenieren. Damals war in der Standard-Theorie noch nicht bekannt, dass Weiß sich hier auch mit 19. f3 gut verteidigen kann, z.B. 19. f3 Sxe3 20. Df2 Sd5 21. fxg4 Dxg4 22. Df3 Dg6 23. Txe6 fxe6 24. De4 Lxg3 25. Dxg6 Lf2+ 26. Kg2 hxg6. Das sieht zwar zunächst etwas wackelig aus und Weiß verliert seinen Merhbauern. Wie so oft hat sich jedoch in der Praxis gezeigt, dass die beste Methode, um gegen eine scharfe Gambitvariante zu spielen, in der Rückgabe des Gambitbauern besteht, bevor der gegnerische Angriff später zu übermächtig wird.

19…f5 20. f4 bxa 21. Txa4 Tb8…
Das galt damals in den 80er-Jahren als bester Zug, später hat man als Alternative noch Tfe8 mit Druck auf der e-Linie gefunden, worauf hier aber nicht näher eingegangen wird.

22. Lxd cxd 23. Dg2 De8 24. Dxd5 …
Der schwarze Turm hängt zwar völlig ungeschützt, kann aber nicht von der schwarzen Dame genommen werden, weil Weiß dann den schwarzen Turm e6 mit Schach schlägt und auch noch den Läufer d6 dazu bekommt.

24..Kh8 (schnell raus aus der Fesselung!) 25. Sc4 Lxf4 ..
Kompromissloses Angriffsschach: Der in Bedrängnis geratene Läufer wird nicht mühevoll verteidigt, sondern einfach als Rammbock zur Zertrümmerung der weißen Bauernmauer geopfert. Um sich das zu trauen, musste Schwarz es natürlich vorher durchrechnen bzw. diese (immer noch Buch!) Variante geübt haben. Was man jedoch ohne weiteres sieht: 26. Le3xf4 würde für Weiß zum Verlust seines Turms auf e1 führen, also kann nur der g-Bauer zurückschlagen – wodurch die g-Linie für die schwarzen Schwerfiguren geöffnet wird. Ob es aber tatsächlich zum Gewinn reicht, ist in dieser völlig offenen und wilden Stellung eine andere Frage, denn in einer Partie kann man kaum alle Konsequenzen richtig abschätzen.

26. gxf Tg6 27. De5?
Diesen Zug kennzeichnete die Datenbank von Thomas als „Neuerung“, d.h. es wurde in keiner der vielen gespeicherten Turnier- und Meisterpartien gespielt. Leider ist aber nicht alles was neu ist auch gut – hier war Weiß offenbar mit seinen Buchkenntnissen am Ende und musste sich auf die eigenen Rechenfähigkeit und Intuition verlassen – und das ging sofort gründlich schief. Thomas hat während des Trainings immer wieder betont, wie wichtig es ist, nicht nur auswendig gelernte Theoriezüge zu spielen, sondern immer auch mitzudenken und versuchen, die Stellung zu verstehen, weil sonst „der Kopf kalt ist“, wenn der Gegner von der Buchvariante abweicht und wir eigene Ideen entwickeln müssen. Der letzte Zug von Weiß, mit dem ein Damentausch angeboten wird, ist zwar verständlich und durchaus vernünftig: Weiß will nach dem schwarzen Opfer nun schnell die Stellung vereinfachen und nach Abtausch der gefährlichsten Schwerfiguren mit der Mehrfigur in ein gewonnenes Endspiel abwickeln. Aber das ist in so einer verrückten Stellung mit beidseitigen Mattdrohungen eben manchmal zuwenig bzw. „zu vernünftig“. Hier geht es in jedem Zug ums Ganze, „alles oder nichts“, vor allem aber hat Weiß hier die Kraft des schwarzen Abzugsschachs unterschätzt:

27. ..Lh3+ 28. Kf2 Tg2+ 29. Kf1 Td2+ (noch ein Abzugsschach!),
und hier gab Weiß auf, weil ihm inzwischen klar geworden war, dass er nach dem erzwungenen 30. Kg1 mit Dg6 31. Kh1 Dg2 matt gesetzt wird. Auch die Alternative 28…Kh1 hätte Weiß nicht gerettet, denn es folgt Matt in 7 Zügen:  28… Dc6+ 29. d5 Lg2+ 30. Kg1 Lxd5+ 31. Kf2 Tg2 32. Kf1 Lxc4 33. Te2 Df3 34. Ke1 De2 matt.
Aber was hätte Weiß spielen sollen – überall droht Gefahr, und der Turm a4 hängt weiterhin, und auch wenn der weiße König dem Abzugsschach mit Kh1 oder Kf2 ausweicht, wieder er letztlich durch das Eindringen der schwarzen Figuren über g2 bzw. auf die 2. Reihe mattgesetzt.  gewinnt Weiß, siehe Varianten im Anhang.
Bizarrerweise hat sich in der Praxis ausgerechnet das maximal verrückte 27. Sd6 als wirksam erwiesen, obwohl Schwarz hier im nächsten Zug mit Abzugsschach die weiße Dame gewinnen kann, doch zugleich wird ja auch die schwarze Dame auf e8 durch den weißen Springer angegriffen. So wie es aussieht, bringt also für beide Seiten nur der bedingungslose Angriff den Erfolg, reine Verteidigungszüge und vorsichtiges Zaudern führen zum Verlust. Wer diese Variante spielt, muss also wirklich bereit sein, durch die Hölle zu gehen ! In der Partie Gata Kamsky – Judith Polgar, 1994 folgte nun: 27. Sd6 Lf3+28. Kf1 Lxd5 29. Sxe8 Txb2 30. Te2 Tb1+ 31. Te1 Tb2 32. Te2 Tb1+ 33. Te1 und Remis durch dreifache Stellungswiederholung, hier konnte Weiß tatsächlich mit letzter Kraft den Mattangriff stoppen, weil der Turm auf e1-e2 alleine die Schachs von zwei gegnerischen Türme abwehrt. 

Was für eine Wahnsinnsspiel! So brilliant der Sieg für Schwarz ist, so riskant ist diese Eröffnung auch, vor allem wenn man nicht weiß, wie gut der Gegner diese Varianten kennt. Herbert Niedergesäß merkte dann am Ende des Trainings auch an, dass man sich beim Marshall-Angriff eben keinen einzigen Fehler erlauben dürfe, so dass der psychologische Druck bei realen Turnieren oder z.B. der Mannschaftsmeisterschaft dann doch eventuell zu groß wird. Aber wenn man gerne „alles oder nichts“ spielen möchte, ist diese Eröffnung keine schlechte Wahl…