Der SCK-Adventskalender – 16.+17.12.2020: Die Partie des Jahrhunderts (Teil 2)

Als Thomas Beckers am 15.12. bei unserem Online-Training die „Partie des Jahrhundert“ zwischen Donald Byrne und Bobby Fischer von 1956 vorführte, hatte ich das Glück, parallel dazu die entsprechende Stelle aus der 2011 erschienenen Fischer-Biografie „Endspiel“ von Frank Brady zitieren zu können. Die Schilderung der Umstände und der Athmosphäre während der Partie im edlen Marschall-Schachclub in der Tenth Street zwischen der Fifth und Sixth Avenue in Manhattan, New York, lesen sich fast so, als wäre man selbst dabei gewesen. Schon die Eröffnung war spannend: Der erst 13jährige Bobby Fischer hatte die Spielweise seines fast doppelt so alten Gegners, einem bekannten internationalen Meister, vorher studiert und mit Schwarz die damals noch nicht sehr verbreitete Grünfeld-Indische Verteidigung gewählt, die Byrne nicht gewohnt war.

Dazu einige eröffnungstheoretische und -historische Anmerkungen: Grünfeld-Indisch wurde 1921/22 vom österreichischen Schachmeister Ernst Grünfeld erfunden und nach dem 2. Weltkrieg dann von russischen Meistern weiter entwickelt.
Die Hauptvariante geht so: 1.d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. cxd Sxd5 5. e4 Sxc3 6. bxc Lg7.

Diese Eröffnung ist keineswegs so beschaulich, wie es der Name „Grünfeld“ vermuten lässt, sondern es kommt oft zu frühen Schlagabtäuschen und taktischen Drohungen, „Schlachtfeld“ wäre wahrscheinlich die passendere Bezeichnung. Schwarz erlaubt dabei Weiß zunächst die Besetzung des Zentrums mit mehreren Bauern, um diese dann von allen Seiten unter Beschuss zu nehmen, vor allem mittels des Fianchettoläufers auf g7, der wie ein Heckenschütze mit Präzisionsgewehr aus seiner sicheren Deckung heraus feuert und dabei die gesamte Hauptdiagonale a1-h8 im Visier hat.
Durch den Bauernvorstoß d7-d5 werden beim Grünfeld-Indisch – anders als in anderen indischen Verteidigungen (insbesondere Königsindisch, wo statt d7-d5 der schwarze d-Bauer mit d7-d6 nur ein Feld vorzieht) – frühzeitig zentrale Linien geöffnet und alle Figuren unmittelbar am Kampf beteiligt.

In der besagten Partie Byrne – Fischer wurde nicht die Hauptvariante, sondern nach Zugumstellung das etwas seltenere „russische System“ gespielt: 1. d4 Sf6 2.c4 g6 3. Sc3 d5 4. Sf3 Lg7 5. Db3.

Hier schlägt Weiß also nicht den Bauern d5, sondern greift ihn zusätzlich mit der Dame an und zwingt damit Schwarz zu einer Reaktion. Es folgten die Züge d5xc4 6. Dxc4 0–0 7. Lf4 c6 8. e4 Sbd7 9. Td1 Sb6 10. Dc5 (dieser Zug von Weiß war laut Thomas Beckers schon fragwürdig, weil die Dame hier zu weit vorne steht und anfällig für Angriffe ist) Lg4 11. Lg5? Dieser Zug erwies sich im weiteren Partieverlauf eindrucksvoll als großer Fehler, er ist aber auch schon aufgrund allgemeiner Eröffnungsprinzipien als nachteilig erkennbar: Zum einen verstößt er gegen die goldene Regel, eine Figur in der Eröffnung nicht ohne zwingenden Grund mehrmals zu ziehen, um kein Tempo zu verlieren. Außerdem sollte Weiß zügig die Rochade vorbereiten, um seinen König in Sicherheit zu bringen (noch eine goldene Eröffnungsregel!), was Schwarz bereits getan hat, daher war hier für Weiß dringend 11.Le2 und anschließend 0-0 geboten. Man kann Byrnes Zug vielleicht damit erklären, dass er als angriffslustiger Spieler bekannt war und sich seinem jugendlichen Gegner taktisch überlegen fühlte, außerdem neigt man mit Weiß eher dazu, seine Stellung zu überschätzen. Und wie gesagt: Der US-Meister Byrne kannte sich in dieser damals noch recht jungen, vor allem in Russland gespielten Eröffnung nicht so gut aus – Bobby allerdings nach Angabe seines Biographen auch nicht so sehr, er setzte vor allem auf seine Kreativität und Improvisationstalent, musste dabei aber schon nach den ersten Zügen viel nachdenken und geriet früh in Zeitnot. Draußen herrschte war es für Oktober sehr warm, drinnen wurde geraucht und die Luft wurde schnell stickig, weil immer mehr Zuschauer sich um Bobbys Brett scharrten, einige saßen sogar direkt neben den Spielern. Bobby wurde nervös und schwitzte, musste sich mehrfach beim Gang zu Toilette „den Weg durch eine Menschentraube bahnen“. Es war also für ihn nicht so locker, wie es beim Nachspielen und Analysieren mithilfe des Computers heutzutage aussieht. Und trotz dieser widrigen äußeren Bedingungen (dagegen war es doch bei unserem Kirchseeon-Open selbst bei über 30 Grad im Hochsommer sicher viel komfortabler!) fand Bobby Fischer im 11. Zug hier einen tollen Zug, den sein Gegner offenbar nicht vorher gesehen hatte: …Sa4 ! (siehe Diagramm).

„Was sollte das denn“ rutschte es einem Zuschauer heraus. „War das ein Patzer oder ein Opfer?“

Große Aufregung im Saal, nun strömte erst recht alles an Bobbys Brett: Der schwarze Springer steht auf a4 tatsächlich ungedeckt und kann von weißen Springer c3 gesclagen werden – doch dadurch würde dieser die Deckung seines Bauern e4 aufgeben, der daraufhin vom anderen schwarzen Springer f6 geschlagen würde, mit Doppelangriff auf die weiße Dame c5 und Läufer g4. Schwarz gewinnt die Figur zurück und erhält in allen Varianten zumindest die bessere Bauernstruktur, oder Materialvorteil.

Das muss man sich erst einmal in Ruhe anschauen – zum Glück können wir das und haben dazu auch mehr Zeit als die Spieler damals. Fortsetzung folgt morgen!